Barebacking

Barebacking (engl. „reiten ohne Sattel“, wörtlich: „bare back“ = „nackter Rücken“, wie im Deutschen „barfuß“) ist ein Begriff aus der Schwulenszene. In der Regel beschreibt er Analverkehr zwischen Männern ohne Verwendung eines Kondoms, was erhebliche Infektionsrisiken, insbesondere mit dem HI-Virus, bedeutet. Die Entscheidung zu ungeschütztem Sex wird bewusst und zumeist in Kenntnis der Infektionsrisiken getroffen.

Der Begriff wird inzwischen jedoch auch, aber seltener, für kondomlosen Geschlechtsverkehr generell verwendet. Vor dem Auftreten von AIDS war ungeschützter Geschlechtsverkehr unter Homosexuellen üblich. Auf geschützten Verkehr innerhalb einer Partnerschaft zu verzichten, wird häufig nun auch bareback genannt. Dies kann jedoch dann eine vergleichsweise risikoarme Variante sein, wenn es sich um eine absolut treue, homo- oder heterosexuelle Beziehung zwischen Partnern mit dem gleichen infektionsfreien Status handelt.

Ärzte, die Gesundheitsbehörden und die Aids-Hilfen raten bei Geschlechtsverkehr dringend zu Safer Sex. Dies gelte auch für Sex innerhalb fester Beziehungen. Die Aids-Hilfe weist in diesem Zusammenhang besonders darauf hin, dass die meisten HIV-Infektionen durch Seitensprünge in „feste“ Beziehungen getragen werden und spricht dabei vom sog. „Risikofaktor Liebe“. Wer jedoch wechselnde Partner habe, der würde sich sehr viel wahrscheinlicher schützen, sagt die Aids-Hilfe. Besonders fatal sei, dass HIV-Positive in den ersten drei Monaten nach der eigenen Infektion am infektiösesten seien. Dabei kann an der Haltung der Aids-Hilfe folgendes kritisiert werden: Eine weitere Möglichkeit zur Verhinderung von Ansteckungen von HIV ist, nicht nur generell den Safer Sex zu propagieren, sondern den Beteiligten bewusst zu machen, wann dieser unverzichtbar ist. (Insbesondere bei Seitensprüngen.)

Inhaltsverzeichnis

Risiken

  • Es besteht ein sehr hohes Risiko, sich (bzw. den anderen) mit HIV, Geschlechtskrankheiten oder Hepatitis zu infizieren sowie in Folge daran zu erkranken oder zu sterben.
  • Auch wenn beide Partner HIV-positiv sind, bestehen mehrere Risiken: die Infektion mit einer Geschlechtskrankheit sowie eine sogenannte Reinfektion mit HIV oder anderen HIV-Stämmen, was zu einer schlechteren Behandelbarkeit führen kann.
  • Die Infektion mit HIV oder einer Geschlechtskrankheit kann wegen der langen diagnostischen Lücke oft erst nach Wochen oder Monaten nachgewiesen werden. Während dieses Zeitraums kann niemand sicher sein, sich nicht bereits infiziert zu haben. Das bedeutet, dass Personen unwissentlich HIV-infiziert und damit ansteckend sein können.

Ansichten der Barebacker

Männer führen verschiedene Motive an, weshalb sie sich für Barebacking und dessen Risiken entscheiden. Dazu gehören folgende Auffassungen:

  • der Sex sei ohne Kondom intensiver und intimer.
  • bei Barebacking zwischen Männern, die nachweislich HIV-positiv sind, sei kein Safer Sex mehr nötig.
  • bei Barebacking zwischen Männern, die nachweislich HIV-negativ sind, sei noch kein Safer Sex nötig. (Das eingehen einer festen Partnerschaft wird bereits als Safer Sex betrachtet.)

Bezüglich der zweiten Aussage sei hervorgehoben, dass auch der ungeschützte Sex zwischen zwei nachweislich HIV+ Partnern Risiken birgt. Die Partner können sich gegenseitig mit einem jeweils anderen Virenstamm des HIV infizieren, was zu einer Resistenz gegen verfügbare HIV-Medikamente führen kann. Die lebensverlängernde Therapie der HIV+ wird somit erschwert oder gar zunichte gemacht. Im Bezug auf die dritte Auffassung ist zu bemerken, dass ein HIV-Test frühestens 6 Wochen nach dem letzten Sexualkontakt mit einem potentiell Infizierten aussagekräftig ist, eigentlich erst nach 3 Monaten. Wird nach einem Test wieder ungeschützter Sex ausgeübt, so ist der Test aussagelos. Daher hilft gegen eine HIV-Infektion bzw. Ansteckung mit anderen Krankheiten bei Sex mit wechselnden Partnern nur Safer Sex.

Die Kultur des Barebacking

Ungeschützter Sex ist immer, auch zwischen HIV-positiven Partnern, ein gesundheitliches Risiko: Es besteht die Gefahr, sich einen aggressiveren Typ des Virus einzufangen, der vielleicht sogar gegen die meisten gebräuchlichen Medikamente resistent ist. Auf Sex-Partys kann ungeschützter Sex stattfinden. Es gibt jedoch auch sogenannte Bareback-Partys, bei denen Gäste ausschließlich ungeschützten Geschlechtsverkehr, oft mit unbekannten, anonymen Personen ausüben. Bisweilen nehmen an solchen Partys (die auch Russian Roulette-Partys genannt werden) auch HIV-positive Personen (sogenannte Giftgiver) teil. HIV-negative Personen werden Bugchaser genannt. Barebacking hat in den letzten Jahren – gerade auch in der schwulen Szene – mehr Anhänger gefunden. Einige Forscher sehen diese Entwicklung dadurch begründet, dass AIDS in der Öffentlichkeit nicht mehr so stark thematisiert wird und viele auf die verbesserten Therapien vertrauen.

Soziologische und psychologische Forschung über Barebacking

Bisher wurden nur wenige Studien durchgeführt, die sich mit Barebacking beschäftigen. Soziologen untersuchen sowohl gesellschaftliche Bedingungen, die zu Barebacking führen, als auch die Kultur der Barebacker selbst. Zu dieser Kultur gehören beispielsweise Biohazard-Tattoos, bei Partys Schilder mit der Aufschrift „Toxic Waste Zone“ oder auch die Selbstbezeichnung als „serial fucker“ in Anlehnung an „serial killer“.

Psychologen beschäftigen sich mit der Frage, weshalb Menschen bewusst das Risiko eingehen, sich mit einer potentiell tödlichen Krankheit zu infizieren. Besonders prominent sind in diesem Bereich Theorien, die auf modernen tiefenpsychologischen Richtungen der Psychoanalyse basieren: Unbewusste und verdrängte Konflikte werden als tiefere Ursache für das Verhalten Barebacking angesehen, das „nur“ als Symptom gedeutet wird.

Insgesamt betonen alle Forscher, dass es den Barebacker nicht gibt – monokausale Begründungen werden abgelehnt, denn es führen viele Wege zum Verhalten „Barebacking“. Die Forscher sind sich einig, dass moralisierende Bewertungen von Barebacking gefährlich sind und vielleicht sogar aus ähnlichen unbewussten Motiven heraus geäußert werden wie die Barebacker Barebacking machen: Wer sich über Barebacking überschäumend aufregt, bei dem sei offenbar etwas in Resonanz gekommen, was mit ihr oder ihm selbst zu tun hat. Diese Gefühle werden in der Psychoanalyse als sog. (Gegen-)Übertragung interpretiert, welche nur dann wirklich fruchtbar für die Betreffenden ist, wenn sie tiefenpsychologisch durchgearbeitet wird.

Berichterstattung und tatsächliches Sexualverhalten

Insbesondere seit Ende 2004 wird in einigen Medienberichten und in politischen Äußerungen Barebacking auf ein (ausschließlich) von Homosexuellen praktiziertes Sexualverhalten reduziert (was zwar der Herkunft des Begriffes entspricht, nicht aber dem tatsächlichen Sexualverhalten). Report Mainz sendete bereits wiederholt einen Beitrag zum Thema Barebacking, in der Sendung vom 28. November 2005 heißt es: „[...] Trends wie das sogenannte Barebacking, also Schwulensex ohne Kondom [...]“ [1] Medien und auch einige Politiker haben dies daraufhin aufgegriffen.

Untersuchungen des Robert-Koch-Institutes ergaben, dass Barebackverhalten unter Heterosexuellen stärker verbreitet sei als unter Homosexuellen. Zwar hätte unsicheres Sexualverhalten in den letzten Jahren zugenommen, aber „Homosexuelle Männer praktizieren als Gruppe deutlich häufiger Safer Sex als heterosexuelle Menschen.“ (Dr. Ulrich Markus) [2]
Umstritten ist, ob die höheren Infektionszahlen bei homosexuellen Männern auf eine höhere Promiskuität oder auf die höhere Zahl bereits infizierter potentieller Sexualpartner zurückzuführen ist. Das Weglassen eines Kondoms in einer monogamen Beziehung kann nicht mit dem Weglassen eines Kondomes beim anonymen Gruppensex in entsprechenden Lokalitäten (Darkroom, Swingerclub) verglichen werden. Auch in vermeintlich monogamen Beziehungen besteht ein Risiko. Es kann beispielsweise zur Infizierung mit HIV kommen, nachdem einer der Partner fremdgegangen ist oder wenn der Partner zwar monogam, aber bereits vor der Beziehung infiziert war oder sich auf anderem Wege angesteckt hat.

Rechtliche Situation

In Österreich gelten Gesetze gegen die fahrlässige (§ 179 ÖStGB) und die vorsätzliche (§ 178 ÖStGB) Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten. In diesem Falle wäre die Gefährdung als gemeingefährliche strafbare Handlung zu werten.

In Deutschland ist jedenfalls die vorsätzliche Infizierung eines Anderen mit dem HI-Virus und anderen Krankheiten als Körperverletzung (§§ 223 ff. StGB) oder als Tötungsdelikt (§§ 211 ff. StGB) strafbar.

In der Schweiz steht sowohl fahrlässiges wie vorsätzliches Verbreiten von menschlichen Krankheiten nach StGB Art. 231 unter Strafe.

Infektionszahlen

Das Robert-Koch-Institut (RKI) berichtete im Mai 2006 von einer seit 2000 deutlichen Zunahme der HIV-Infektionen. So gab es 2005 in Deutschland 2490 Neuinfektionen. Laut einer Schätzung des RKI vom November 2005 beruhen 70 Prozent der Neuinfektionen auf homosexuellen Kontakten. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anstieg heterosexueller Neuinfektionen mit 25 Prozent jedoch stärker ausgeprägt, als die Zahl homosexueller Neuinfektionen (15 Prozent).

Grund für das Ansteigen der Neuinfektionen zwischen 2000 und 2005 sei eine Veränderung im sexuellen Risikoverhalten. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kehre sich dieser Trend nach neueren Untersuchungen jedoch wieder um.

  1. Transkript des Beitrags (swr.de)
  2. Beitrag auf Box Online

Weblinks


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